Kanye West
Ye
GOOD Music/Def Jam (01.06.2018)
Hip-Hop: Kanye Wests neues Album ist versöhnlich und beunruhigend zugleich, vor allem aber: nicht besonders gut.

Kanye West hat sich in den vergangenen Wochen und Monaten zum ersten Mal auf ein Terrain begeben, auf dem ihm selbst seine härtesten Fans nicht mehr bedingungslos die Treue hielten. Auf dem viele nicht mehr nachvollziehen konnten, was an seinen Äußerungen pure Provokation, was Dummheit und was Zeichen einer kranken Psyche war. Seinem Genie wird es jedenfalls nicht geschuldet sein, dass er Sklaverei als Wahl bezeichnet hat.
Vor wenigen Wochen hat es Kanye Wests neue Songs noch gar nicht gegeben – und das hört man YE auch an
Das gilt auch für die Musik: Auf „Ghost Town“ singt er tatsächlich mal wieder ohne Auto-Tune und holt die Gitarren von „Gorgeous“ zurück. „No Mistakes“ und „Wouldn’t Leave“ klingen sogar nach einer noch früheren Ära, nach dem „Old Kanye“, den immer noch so viele missen. Das täuscht aber alles nicht darüber hinweg, in was für einem schlampigen Zustand sich das Album befindet: Dass Kanye das Cover auf dem Weg zur Listening Party geschossen hat, ist das beste Beispiel. Ständig hört man Zeilen, die sich auf Ereignisse in der jüngsten Vergangenheit beziehen, wie seinen Auftritt in der TMZ-Redaktion. Sprich: Vor wenigen Wochen hat es diese Songs noch gar nicht gegeben. Und das hört man ihnen auch an.
Auf YE gibt es also viel zu verdauen. Und es ist kein Highlight in Kanyes Diskographie – was nicht der Kürze geschuldet ist: Dass etwas mehr als 20 Minuten für ein tolles Stück Hip-Hop ausreichen können, hat Pusha T gerade erst mit „Daytona“ bewiesen. Kanye ringt zu sehr mit seinen Dämonen, um die gleiche Dichte an Qualität hinzukriegen. Aber nach all den Negativschlagzeilen der letzten Zeit könnten wir uns auch mal mit etwas Unperfektem zufrieden geben. Bei Kanye will man das aber nicht.