Nachruf auf Marianne Faithfull: She Walked In Beauty
Ein Rückblick auf das nicht immer fair verlaufene Leben von Marianne Faithfull.
Wer das Glück hatte, in den vergangenen Jahren ein Gespräch mit Marianne Faithfull zu führen, tauchte für ’ne gute Stunde in eine andere Welt ein. Zu sprechen war sie zumeist telefonisch. Kein Online-Call, kein Handy, immer über das gute alte Festnetz. Entweder rief man sie in Paris an, wo sie im schicken 6. Arrondissement viel Zeit verbrachte. Oder, wenn sie unterwegs war, in einem dieser Hotels, die Namen tragen wie aus Thomas-Mann-Romanen. Meldete man sich dort, dauerte es ein wenig, bis man ihr die erste Frage stellen konnte. Man musste erst ein paar hierarchische Instanzen passieren: Rezeption, Telefon-Operator, Assistentin – und dann Marianne Faithfull. Mit ihrer tiefen, gebrochenen Stimme, deren Klang von einem Rock’n’Roll-Leben erzählt, das unfassbar unfair verlaufen ist. Das Marianne Faithfull jedoch triumphieren ließ. Weil sie der Hölle entkam. Und am Ende viele gute Jahre hatte.
Als junge Frau war Marianne Faithfull in den 60er-Jahren Teil des Coffeehouse-Zirkels in London, wo sich die Folk-Szene traf, analog zum Greenwich Village in New York. Eher zufällig schlitterte sie 1964 auf eine Party, bei der alle, die damals als cool galten, zu Gast waren. Dichter, Maler, Rockmusiker. Darunter die Rolling Stones. Einige Wochen später stand sie, 17 Jahre alt, in einem Aufnahmestudio, um eine Jagger/Richards-Komposition zu singen, die für die Stones zu lieblich war. „As Tears Go By“ wurde ein Hit, Marianne Faithfull war im Jungs-Club der „British Invasion“-Welle eine der wenigen Frauen. Später erzählte sie nur sehr ungern von dieser Zeit. Brach Interviews ab. Antwortete grantig.
Was heute klar ist: Marianne Faithfull, noch ein Teenager, wurde ausgenutzt, missbraucht, allein gelassen. Ihre Affäre mit Mick Jagger war ein Riesenthema für die Presse. Mit Jagger als coolem Rocker. Und Faithfull als sinistre Frau. Die Drogen nahm. Wie alle. Nur wurde ihr es vorgeworfen, weil sie doch bereits Mutter war. Dem Vater ihres Kindes wiederum, dem Künstler John Dunbar, wurden diese Vorwürfe nicht gemacht. Auch in künstlerischer Hinsicht behandelte man sie mies. Zusammen mit Jagger und Richards schrieb sie das Stück „Sister Morphine“. Für die Veröffentlichung auf dem Album STICKY FINGERS änderten die Stones den Text an wenigen Stellen – und ließen bei den Credits den Namen Marianne Faithfull weg. Erst 1994 änderte sich das nach einem Gerichtsurteil.
Die 1970er-Jahre waren für Marianne Faithfull ein Albtraum. Sie verlor das Sorgerecht für ihren Sohn, wurde von der Rockszene ignoriert, hatte kein Mittel, gegen ihre Sucht zu kämpfen. Schließlich landete sie im Londoner Stadtteil Soho, wo sie als Junkie in miesen Einzimmerwohnungen hauste, für einige Zeit sogar auf der Straße. Es war die Zeit, als Marianne Faithfull ihre glockenklare Stimme verlor – und eine neue erhielt. Erstmals zu hören war sie auf ihrem Comeback-Album BROKEN ENGLISH aus dem Jahr 1979. Eine unfassbar gute, weil unendlich traurige und trotzige Platte. Mit Songs zwischen Postpunk, Reggae und New Wave – dem Sound der Stunde. Das Stück „Why D’Ya Do It?“ ist zugleich eine explizite Anklage gegen die Männerwelt und ein Zeichen, dass sich Faithfull nicht mehr kleinmachen lässt: „Warum hast du das getan?“– Marianne Faithfull wollte Antworten!
BROKEN ENGLISH war der Startpunkt für ihre eigentliche Karriere. Auf einigen weiteren Alben reflektiere sie ihre Vergangenheit, dann schloss sie diese Akte, stürzte sich in neue Projekte. Sie machte sich einen Namen als Interpretin der Lieder von Bert Brecht und Kurt Weill, sang Dark Cabaret und Kunstlieder. Als im Zuge des Alternative Rock eine neue Generation von Bands auftauchte, wurde Marianne Faithfull neu entdeckt. Beck und Billy Corgan, Damon Albarn und Jarvis Cocker – sie alle arbeiteten mit ihr. Besonders das Album KISSIN TIME aus dem Jahr 2002 dokumentierte ihre starke Stellung in der Szene. Zwischen den grandiosen Alben in den Nullerjahren spielte sie im Kino die Rolle ihres Lebens: „Irina Palm“, mit Marianne Faithfull als Großmutter, die nie die Chance hatte, ein eigenes Leben zu führen. Dies aber nachholt, als sie Geld für eine medizinische Behandlung ihres Enkels verdienen will – und zwar als Sexarbeiterin, die in einem Club in Soho Männer an der Glory Hole Männer mit der Hand befriedigt. Wie sie diese Rolle spielte, mit Witz und Wärme, brachte ihr zurecht großes Lob ein.
2021, gesundheitlich angeschlagen von den Folgen einer Corona-Infektion, erfüllte sie sich einen letzten künstlerischen Traum. Schon vorher hatte sie auf Alben wie NEGATIVE CAPABILITY aus dem Jahr 2018 intensiv mit Nick Cave und Warren Ellis zusammengearbeitet. Auf ihrer letzten Platte SHE WALKS IN BEAUTY ließ sie sich von Ellis eine sphärische Musik komponieren, um darauf Gedichte von Lord Byron, John Keats und anderen britischen Poeten zu rezitieren. „She walks in beauty, like the night/ Of cloudless climes and starry skies“, heißt es im titelgebendem Gedicht von Lord Byron. Bessere Zeilen kann man Marianne Faithfull nicht nachrufen: „Sie schreitet in Schönheit, wie die Nacht/ Wolkenloser Gefilde und sternenklarer Himmel.“
Marianne Faithfull verstarb am 30. Januar im Alter von 78 Jahren.