Brian Molko im Interview: „Ich bin ein Überlebender“
Ein Gespräch über wohltuende Rückwärtsschritte, die Angst vor der Zukunft und über David Bowie.

Die Tode von Chester Bennington und Keith Flint schockten und überraschten Brian Molko. Er fragte sich, warum er selbst noch da ist. Die Konsequenz: Bloß nicht mehr bei alten (Coping-)Mechanismen bleiben. Musikalisch hat Molko das mit Placebo wohl bereits beherzigt. Nun folgte eine Doku, die er freigab, obwohl er seine Band nur zu gerne als „mysteriös“ versteht. Ein Gespräch über Rückwärtsschritte, Zukunftsangst und Bowie.
Ein Hoch auf Gegensätze. Dass Brian Molko ausgerechnet dann Zeit für ein Telefonat hat, als die Autorin dieser Zeilen bei 32 Grad am Ufer der Monte Isola am Urlauben ist, erscheint zunächst unvorteilhaft. Unpassend gar. Denn der Sänger und Songschreiber will über die Placebo-Doku „This Search For Meaning“ reden, in der er sich einmal offener in Bezug auf seine früheren Süchte zeigt und außerdem so ausgedehnt über David Bowie trauert, dass ihm manches Mal die Stimme wegbleibt, weil ihm ein Kloß im Halse steckt. Und doch funktioniert das Setting auf eine verdrehte Weise. Weil Molko, selbst auf (Tour-)Reise ist. Weil die Ausführungen des Sängers zwar gerne apokalyptisch-düster sind, er aber letztlich sich auch nach Positivem richtet, um weiterzumachen. So wirkt es eigentlich wieder rund, dass seine Stimme der Soundtrack zum Blick auf eine scheinbar endlose Wasserfläche ist.
ME: Du bist jemand, der Ambiguität schätzt. Ein Gespräch über Songinhalte werde ich wohl nicht mit dir führen, dafür schätzt du zu sehr das In-Verhüllungen-Sprechen, die vielen Möglichkeiten.
Brian Molko: Das stimmt. Ich möchte genügend Raum schaffen, damit jede Person ihre eigene Story in einem Song finden kann. Ich will kein Gefühl diktieren. Mich stört es, dass man bei jedem Steven-Spielberg-Film gesagt bekommt, wie man sich fühlen soll. Wenn man dagegen was von Jean-Luc Godard schaut, ist das viel offener. Man kann sich mit seinen zwei besten Freunden ein Godard-Werk angucken und wenn man sich danach darüber unterhält, hat man drei komplett unterschiedliche Blickwinkel zum Gesehenen. Das ist doch spannender!
Du suchst doch sicher auch mal nach Antworten, oder?
Nur für mich, aber nicht für andere. Ich suche nach Antworten mithilfe des kreativen Prozesses. Dadurch lerne ich mehr über mich in der Gegenwart. Das macht es so therapeutisch und kathartisch. Jedes Lied ist Entdeckung und lehrt mich, was wirklich gerade in meinem Leben abgeht, wie ich auf die Welt reagiere und wie ich mich dabei fühle. Das hat etwas Schönes, auch wenn das nicht heißt, dass es hübsch anzuhören ist.
In Zeiten von großen Egos ist oft kein Platz für Raum in der Kunst.
Da gebe ich dir recht. Es wäre unhöflich, eine Frau zu fragen, wie alt sie ist. Aber ich bin 51 und ich kenne eine Zeit ohne Internet. Und ich glaube, in diesen Tagen hatten wir mehr soziale Prinzipien. Wir hatten zum Beispiel 1988 nicht die Möglichkeit, ein Treffen fünf Minuten vorher abzusagen. Durch die virtuelle Welt hat sich eingeschlichen, dass mit weniger Verantwortungsgefühl gehandelt wird. Dadurch sehe ich auch, dass Leute zu denken scheinen, dass sie einfach alles im Netz sagen können. Es bringt das Schlimmste in den Menschen hervor. Wenn ich auf Social Media schaue, frage ich mich, ob wir aufgrund der dort geteilten Grausamkeiten langsam unser Mitgefühl verlieren. Und ehrlich gesagt, entwickelt sich aus der Frage und den Gedanken dazu für mich langsam aber sicher eine Antwort – ja, wir werden zu einer stärker soziopathischen Gesellschaft.
Auch wenn ich jünger bin, kann ich die Veränderungen durch die verschiedenen Plattformen und sekundenschnellen Zugängen zu jeglicher Art von Content sehen und einordnen. Selbst wenn ich nicht in der Krassheit mit dir übereinstimme, so würde ich sagen, dass das Dissoziieren zugenommen hat.
Ja klar, weil so vieles normalisiert wird. Das Format trägt dazu bei. Denke nur an Instagram. Da sollst du ohne Ende scrollen. Also scrollst du über Bilder von Gaza, gefolgt von Katzenfotos, Werbeanzeigen und danach sieht du sterbende Kinder, blutbeschmiert, worauf sich wieder Witz und Werbung anschließen. Das bringt mit sich, dass man auf alles gleich reagiert. Da findet Dissoziation im großen Stil statt. Vielleicht verlieren wir ja auch den Zugriff auf unsere eigene Gefühlswelt. Was soll danach bloß noch kommen? Ich mache mir Sorgen.
Brian Molko ist jemand, der in Zukunft denkt. Ein solcher Öko-Horror-Songs übers Ende der Welt findet sich mit „Try Better Next Time“ auf dem 2022er NEVER LET ME GO. Ein anderes düsteres Bild malt er auf der gleichen Platte mit „Surrounded By Spies“ in Hinblick auf die Computer-Überwachung durch Großkonzerne. Und auch die Isolation, der mithilfe des Internets Abhilfe geschaffen werden soll, klingt bei ihm nicht gerade nach Romanze, wenn man ihn „Too Many Friends“ (2013) ansingen hört. In dem Dokumentarfilm „This Search For Meaning“, den der schottische Filmemacher Oscar Sansom (auch von ihm: „Biffy Clyro: A Celebration of Endings“) über Molkos Band Placebo gemacht hat und den diese sogar freigegeben haben, lässt sich Molko ebenfalls ausführlich zu dem Thema aus. Es sind diese Momente des anderthalbstündigen Werkes, in denen er besonders passioniert wirkt – also insofern man das trotz des Hutes, der Sonnenbrille und dem Schnurrbart erkennen kann. Es wirkt generell so, als würde er am ehes2ten aufblühen, wenn er weniger über sich selbst reden muss. Wobei das auch wieder so ein herrlicher Gegensatz ist. Wie in der Sonne sitzen und mit diesem extrem ernsthaften Musiker reden, der selbst dann nicht aus seinem Monolog fällt, wenn er durchs Telefon mit Sicherheit das Wassergeplätscher der Kindergruppe sowie die vorbeifahrenden Apes hört. Die Ambivalenz der Doku: 29 Jahre nach dem Veröffentlichen von PLACEBO, dem Debütalbum der damals noch als Trio auftretenden Band, und sieben LPs später soll eben diese (zweite) Doku nicht nur ihre Herangehensweise an Songs zeigen, sondern sie auch einmal privat näherbringen. Aber am Ende spricht Molko auch da lieber über das Post-it mit dem David-Bowie-Zitat, was er an seinem Badezimmerspiegel zu kleben hat, statt über die eigene Person …
Lass mich mit einer Frage weitermachen, die du von Bowie übernommen hast und die du als Klebezettel immer noch als Gedankenstütze aufbewahrst: Fühlst du dich wohl mit dem, was du gerade machst?
Ja, das sagte Bowie wirklich oft. Es war so was wie ein Mantra für ihn. Auch mich fragte er das und wenn man das bejahte, antwortete er: ‚Dann machst du es falsch.‘ Es hat eine Weile gebraucht, bis ich es für mich verstanden habe. Aber jetzt finde ich, es repräsentiert seine eindrucksvolle Persönlichkeit sehr gut. Er hat sich beständig verändert, entwickelt und sich in verschiedenste Richtungen gepusht. Es zeigt auch, wie er sich für andere eingesetzt und sie gefördert hat. Ein goldener Ratschlag von einer Legende, den er einfach for free herausgegeben hat, wenn er einen mochte. Ich denke gerne daran und versuche den Ratschlag auf meine Methodik des Musikmachens anzuwenden.
Jetzt hast du dich natürlich gut um die Beantwortung in Bezug auf dein Wohlbefinden gedrückt. Aber sag mal, wann hast du das letzte Mal etwas verändert, weil es sich zu leicht anfühlte?
Na ja … So richtig hat es mit unserem letzten Album NEVER LET ME GO angefangen. Wir waren derart festgefahren in unseren Strukturen. Es ging immer für zwei Monate ins Studio, in der Zeit haben wir gejammt, um so auf Ideen zu kommen – erst im Embryo-Stadium und dann mit mehr Fokus im Studio schließlich daraus Songs werden zu lassen. Um ehrlich zu sein, hat mich das ziemlich gelangweilt. Je älter ich werde, desto schneller bin ich gelangweilt.
Das klingt übel.
Vielleicht für dich. Für mich bedeutet das, dass ich immer nach etwas suche, was aufregend ist. Also fragte ich bei der letzten Platte Stefan (Olsdal, Bassist und einziges festes Placebo-Mitglied – Anm.), was sonst immer der letzte Punkt auf unserer Agenda ist. Und er erinnerte mich daran, dass es das Auswählen eines Covers wäre. Also gingen wir das dieses Mal zuerst an. Und von dort aus ging es weiter in Rückwärtsschritten. Wir konnten uns auf diese Weise selbst überraschen – eine Sache, die wir sonst nicht so einfach hinbekommen.
Eine Abwertung der eigenen Leistung genau so eine Mischung präsentiert sich einem, wenn man mit dem Placebo-Sänger länger spricht. Er wiederholt sich inhaltlich häufiger, nur um mit dem nächsten Satz eine seiner Meinung nach bessere Formulierung für die eigenen Gedanken zu finden. Häufig endet er mit „verstehst du“, als würde er die Bestätigung brauchen, dabei hat man es hier mit einem Medienprofi zu tun, der längst weiß, wie er Unangenehmes umschifft. Gerade wenn in der Doku seine frühere Vorliebe für Alkohol und sonstige Drogen thematisiert wird, glaubt man, dass man sich einem Brian Molko gegenübersieht, der sich wie zu WITHOUT-YOU-I’M-NOTHING-Zeiten offen angreifbar macht. Doch der Brite mit den amerikanischen und belgischen Wurzeln hat einen hohen Schutzzaun um sich – darüber wird auch ein neuer Film nicht hinwegtäuschen, der letztlich vor allem von Live-Aufnahmen und O-Tönen von unter anderem Yungblud, Shirley Manson, Joe Talbot und Robbie Williams lebt, die darüber sinnieren, was für eine Kraft für die Rock- aber auch Queer-Szene Placebos Songs (ach und erst das 1997er „Nancy Boy“!) hatten und haben.
Wieso hast du dich dazu entschieden, für den Doku-Film Archivmaterial von dir freizugeben, bei dem man dich komplett fertig von Drogen und Alkohol sieht? Ist das deine Art des Wake-up-Calls?
Nein, es ist kein Wake-up-Call. Ich denke nur, dass wir eine mysteriöse Band sind. Weil wir in den 80ern groß geworden sind. Weil wir mit Vinyl aufgewachsen sind, wo man nur das Frontcover und hinten die Credits hatte. Gerade Letzteres war das Faszinierendste – man las sich durch, wer produziert und assistiert hatte und fragte sich, wer diese Leute sind. Dieses Geheimnisvolle rund um eine Band gehörte für uns dazu und wir mochten es. Wir wollten uns genauso geheimnisvoll der Welt präsentieren. Die Doku ist eines der wenigen Projekte, bei dem wir aus dem Schleier herausgetreten sind. Sie ist eine rare Möglichkeit, uns als Menschen besser kennenzulernen. Auf eine Art ist es deshalb eine wichtige Sache für die Fans.
Kannst du mehr über die Coping-Mechanismen sprechen, die du in der Zeit mit Placebo entwickelt hast?
Unsere Bandgeschichte ist diesbezüglich eine für die Musikindustrie ziemlich schablonenartige. (lacht) Weil wir so viel Erfolg und Aufmerksamkeit gleich zu Beginn unserer Karriere hatten und womöglich nicht genügend Selbstbewusstsein, um das Ganze anders als mit Exzess zu kompensieren. Oder vielleicht lag es auch an den heftigen Emotionen, mit denen man allein an einem Tag zu tun hat. Man hat einfach so enorme Hochs, dadurch, dass man zum Beispiel auf der Bühne steht, einem entgegengeschrien und von Massen Applaus entgegengebracht wird, und ungefähr zwei Stunden später ist man allein und nur Adrenalin und Tinnitus sind bei einem. Viele von uns fühlen dadurch eine Leere. Die muss gekillt werden. Man will sich sofort wieder besser fühlen. Da sind Drogen ein top Weg – wie eine motherfucking Autobahn, bei der man mit 200 verdammten Kilometern die Stunde unterwegs ist. Doch das Gut-Fühlen funktioniert nur kurz, man entwickelt Coping-Mechanismen darum, die irgendwann ironischerweise der ganze Lebensinhalt werden. Ein Slow-Motion-Suizid. Manche von uns überleben den Druck, Teil einer Band zu sein, immer eine Performance machen zu müssen und diese alles überschattende Dunkelheit, die darauf folgt. Aber viele von uns überleben eben auch nicht. Ich bin ein Überlebender. Freunde von mir haben es nicht geschafft. Manche Tode haben mich wirklich überrascht, ich konnte keine Hinweise von dieser Dunkelheit sehen – eher das Gegenteil war der Fall. Als Keith Flint von The Prodigy starb, war das ein enormer Schock für mich. Als Chester Bennington von Linkin Park starb, konnte ich es nicht glauben. Das waren zwei Männer, die ihr Leben so gut in den Griff bekamen und ich bewunderte ihre Genesungswege. Und dann kam der Schock und die Frage: Fuck, warum habe ich es verdient, hier zu sein und sie nicht?
Das klingt jetzt so, als würdest du deinen eigenen Wert minimieren.
Möglich. Aber einen Freund zu verlieren, lässt dich so viel fühlen. Es ist ein machtvoller, widersprüchlicher Mix aus Emotionen und Fragen. Und ich bin da angekommen, dass ich wohl akzeptieren muss, dass es keinen Sinn ergibt. Manche von uns sind einfach hier, manche nicht. Es ist ein bisschen so, als würde man am Roulette-Tisch sitzen.
Das ist dark.
Aber du hast gefragt!
Gibt es neben dem machtvollen Negativen auch Positives, was dich durch den Tag pusht?
Ich nehme mir immer vor, mit Einfühlungsvermögen und Mitgefühl durch die Welt zu gehen. Ich habe „The Art of Happiness“ vom Dalai Lama gelesen und habe mir vor allem diese Sache daraus mitgenommen: Die Kunst des Glücklichseins ist, anderen Menschen zu helfen.
Ich hoffe, da bleibt auch Empathie für dich übrig.
Du klingst wie ein sehr fürsorglicher Mensch. Einer, der möchte, dass es mir gut geht, ich gesund und stabil bin. Danke dafür. Das ist sehr ermutigend.
Dieses Interview erschien zuerst im ME 11/2024
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